Zwei Jahre USA (wenig Kanada)
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Zwei Jahre USA (wenig Kanada) vom 25.09.2011


von Harald Ertl, SY. "Sophie"
E-Mail ertlharald@hotmail.com


Wir hatten vor, in New York zu überwintern und haben dazu drei Häfen in die engere Wahl gezogen:

1) Von Süden kommend trifft man zunächst auf den Hafen der Stadt Atlantic Highlands. Dort sitzen zwei sehr gastfreundliche Clubs, und der kleine Ort bietet alle Einkaufsmöglichkeiten. Eine Schnellfähre fährt nach Manhattan. Leider ist der Hafen gegen die Winterstürme aus N nur durch eine Mole geschützt; die Schiffe werden an Land gestellt.

2) Am westlichen Ufer des Hudsons gegenüber Manhattan liegt die Liberty Landing Marina. Sie ist tief in das Ufer eingeschnitten und daher dem üppigen Schwell nicht ausgesetzt. Eine marinaeigene Fähre verbindet mit Ground Zero. Die Einkaufsmöglichkeiten zu Fuß sind bescheiden, ansonsten hat man natürlich das Weltstadt-Angebot von New York City und New Jersey City zur Verfügung.



Manhattan, gesehen von der Liberty Landing Marina

3) In einer tief eingeschnittenen Bucht am Nordufer von Long Island liegt Huntington, NY. Diese gepflegte Stadt bietet alle Einkaufsmöglichkeiten und jeden Service; sie ist per Long Island Railroad mit New York City verbunden und man erreicht in 40 Minuten die Penn Station, den JFK-Flughafen und La Guardia.

Dort überwinterten wir in der privat geführten West Shore Marina und waren sehr zufrieden. Die Schiffe können im Winter im Wasser bleiben; die Wasserfläche um die Schiffe wird durch ein Luftsprudler-System eisfrei gehalten

New York vom eigenen Boot aus, das ist fast so, als hätte man dort eine Wohnung. Und über New York zu schreiben ist eigentlich unnötig; es generiert sich als Welt-Hauptstadt und bietet Licht und Schatten zuhauf.

Ein sehr helles Licht ist sicherlich die Metropolitain Opera. Als Münchner sind wir von Deutschlands größtem Opernhaus verwöhnt. Aber die Met ist deutlich größer und besser. Das liegt auch an James Levine, der sie seit 40 Jahren führt und zur Zeit einen neu inszenierten „Ring“ dirigiert. Und er scheut sich nicht, diese Opern in den germanischen Kontext zu stellen, etwas, was man in München peinlichst vermieden hat (und dementsprechend Schiffbruch erlitten hat). Bryn Terfel als Wotan sieht so aus, wie man sich den germanischen Göttervater vorstellt. Auch der Unglück bringende Rabe fehlt nicht, der als „Unglücksrabe“ in die deutsche Sprache eingegangen ist. In München hingegen hat man Wotan in einen Business-Anzug gesteckt und mit einer Aktentasche versehen. Da dann doch lieber den „Ring“ der Met.

 Der „Ring“ an der Metropolitain O
pera
Bryn Terfel als Wotan | Jonas Kaufmann als Siegmund |putzige Walküre

Nach einem Jahr Aufenthalt in den USA lief im März 2010 unsere Cruising License ab. Wir hatten im November zuvor bereits bei dem für Huntington zuständigen Port of Entry per Email angefragt, wie wir zu einer neuen License kommen können und eine freundliche Email erhalten, wir sollen nach Ablauf unserer Cruising License, also im April 2010, ins Gebäude 77 des JFK-Flughafens kommen und würden dann eine neue bekommen.
Das haben wir im April 2010 getan, aber: der Absender der freundlichen Email war in den Ruhestand gegangen und sein Nachfolger bestand darauf, wir müssten mit dem Schiff sofort das Land verlassen und dürften erst nach 15 Tagen wieder kommen.

Die Vorschrift, die man auf der Seite der Immigration-Behörde nachlesen kann, besagt tatsächlich, dass die Cruising License nach einem Jahr abläuft und man eine neue nur erhält, wenn man 15 Tage außer Lande war.

http://www.cbp.gov/xp/cgov/travel/pleasure_boats/boats/
https://help.cbp.gov/app/answers/detail/a_id/608/related/1 

Resident aliens may apply for successive cruising licenses if their foreign-flag vessel was made in the U.S. or if duty has been paid on its importation provided that the vessel is documented under the laws of one of the countries listed in 19 CFR 4.94(b). Under CBP policy, non-U.S. residents are not eligible for successive cruising licenses. A new license will not be issued unless the following two conditions have been met: (1) at least 15 days have elapsed since the previous license either expired or was surrendered, and (2) the vessel arrives in the U.S. from a foreign port or place. (Customs Directive 3130-006A) CBP will want to see foreign clearance paperwork as evidence that you are arriving from a foreign location.

A
ber nicht alle Beamten wenden diese Vorschrift buchstabengetreu an, vor allem nicht die in den Südstaaten, wohl aber – wie wir gesehen haben - die in den Neu-England-Staaten.
Im April von New York aus ins Ausland zu segeln, war uns unmöglich. So sind wir nach Newport, Rhode Island gesegelt und haben dort um eine neue Cruising License angesucht. Die haben wir zwar nicht bekommen, wohl aber die Erlaubnis, ein Jahr in Rhode Island zu bleiben, ohne jemals uns an-oder abzumelden oder irgendwelche Gebühren zu bezahlen. Wenn wir Rhode Island verlassen, dann sollten wir uns bei der zentralen Report-Stelle in Bangor, Maine, melden.
Das war sehr freundlich und Newport und die Narragansett-Bucht sind sehr schön. Wir blieben gerne mehrere Wochen, haben uns für unser Mobiltelefon eine ATT-Simkarte gekauft und zwischen Newport und Middletown einen neuen Laptop; bei unserem alten waren die Scharniere gebrochen. Der neue Computer war etwa 100 € billiger als ein vergleichbarer in Deutschland gekostet hätte, hat aber natürlich eine US-Tastatur. Er lässt sich per Software auf deutsche Zeichen umstellen, nur die Beschrieftung der Tasten stimmt dann nicht.
Den dümmsten Skipper seit langem treffen wir ebenfalls in Newport, Rhode Island. Er ankert links vor uns (backbord voraus) und eigentlich zu nahe. Aber was soll‘s: es ist wenig Wind und der Ankergrund in Newports Brenton Cove ist sehr gut haltender Schlick. So wundern wir uns, dass unser neuer Nachbar langsam an uns vorbei nach hinten (achtern) abdriftet. Auch ihm fällt das auf und er holt mühsam seinen Anker hoch. Kein Wunder, dass der Anker slippte:
er ist vollständig von einer großen Plane eingehüllt. Der Skipper wickelt seinen Anker aus und - unsere gellenden Schreie kommen zu spät - dann wirft er die Plane wieder ins Wasser. Dort liegt sie nun und wartet darauf, den nächsten Anker slippen zu lassen.

Nun ist Rhode Island kein großer Staat, für amerikanische Verhältnisse eigentlich winzig. Wir entschließen uns, erneut nach Maine zu segeln, einen Abstecher nach Kanada zu machen und nach der Rückkehr in die USA in Bar Harbor einzuklarieren. So rufen wir die zentrale Meldestelle der CBP (Custums, Border Protection) in Bangor, Maine an, bekommen die telefonische Erlaubnis, nach Bar Harbor, ME, zu segeln und dort Richtung Kanada auszuklarieren. Der Beamte gibt uns sicherheitshalber seinen Namen und seine Amtsnummer.
Auf den Isles of Shoals werden wir von einem Patroullienboot kontrolliert, und die Beamten sind sehr aufgebracht und entsetzt, dass wir ohne Crusing License unterwegs sind. Erst nachdem sie dann auch bei dem Beamten in Bangor anrufen, sind sie beruhigt.
Schließlich segeln wir ohne weitere Aufenthalte nach Bar Harbor, Maine, genauer gesagt, in den Northeast-Hafen von Mt. Dessert Island. Dort rufen wir erneut in Bangor an, werden telefonisch ausklariert und segeln nach Kanada. 
Unser Abstecher nach Kanada beginnt am Vorabend auf Roques Island mit großer Aufregung. Wir wollen Routenplanung am Plotter machen, aber der Plotter fährt nicht hoch. Immer wieder bleibt er mit dem Raymarine-Eingangs-Bildschirm hängen. Es hilft kein Einsprühen der Kontakte an den Steckern und kein Anschließen am Kartentisch – dort haben wir eine weitere Anschluß-Möglichkeit. Schließlich mache ich als letzte Rettung einen Werks-Reset. Das hilft, nun läuft er wieder mit ordentlichem Bild. Aber alle unsere Routen und Wegpunkte sind verschwunden. Wir hatten von Ellös über das Mittelmeer bis hierher weit über die möglichen 1000 Wegpunkte gespeichert und immer wieder alte Wegpunkte löschen müssen. Vielleicht war das dem Plotter zu viel. Jedenfalls läuft er jetzt wieder schneller.

Ganz so schlimm wäre der Ausfall des Plotters nicht gewesen, denn wir haben uns für den Abstecher nach Kanada bereits in Newport genaue Papierkarten gekauft, denn die elektronischen Navionics-Karten zeigen Kanada nicht mehr an. Aber wir sind dennoch erleichtert. Wir müssen eben unsere Route zurück durch das Gewirr der Inseln in Maine und weiter zur Karibik neu eingeben.

Die Seegrenze USA-Kanada ist genau markiert:
exakt bis zur Grenze liegen in den USA die unzähligen Lobster-Bojen, in Kanada keine einzige. Die kanadische Insel Grand Manam empfängt uns mit einer abweisenden Steilküste und freundlichem Wetter. Freundlich sind auch die Fischer, die uns im kleinen Hafen von Seal Cove Platz machen. Einer von ihnen lotst uns in den Hafen und macht uns an einem Schwimm-Ponton fest. Wir sind das zweite Fahrtenschiff in diesem Jahr, das diesen Hafen anläuft, melden sie uns und freuen sich über uns Besucher.

Der freundliche Fischer lässt uns auch mit seinem Mobiltelefon telefonieren. Unser eigenes Telefon, mit einer US-ATT-Simkarte bestückt, findet keine Verbindung. Nachdem wir uns bereits über UKW Kanal 16 bei der kanadischen Immigration gemeldet hatten, müssen wir nun noch die zentrale Telefonnummer (CAN) 001-888-226-7277 anrufen und unsere Daten durchgeben. Wir bekommen eine Clearence-Nummer, können beliebig lang in Kanada bleiben und herumfahren und brauchen uns auch bei der Abreise nicht abmelden. Wie freundlich!

Grand Manam, New Brunswick, Kanada

In der Bay of Fundy erreichen die Tiden Unterschiede von bis zu 10 Metern, gelegentlich auch mehr, mit den dazu gehörigen Strömungen. Gegen diese ist man mit einem Segelschiff machtlos - man muss genau nach der Tide fahren. Auf Grand Manan ist der Tiden-Unterschied nicht ganz so groß. Dennoch sieht der kleine Hafen innerhalb seiner hohen Spundwände bei Ebbe aus wie ein großes Fass - und das Wasser strömt gurgelnd hinein und hinaus. Vor Anker möchte man bei diesen Strömungen nicht liegen.

Im Norden der Insel Grand Manan liegt der Hauptort North Head. Dort sieht es ähnlich aus und von dort geht die einzige Fährverbindung ins kanadische Blacks Harbor. Die malerische Küste von Nova Scotia ist 50 sm entfernt; man sieht sie bei gutem Wetter. Aber das Wetter ist nicht gut. Der Wetterbericht meldet jeden Tag: possibility of rain 100 percent, thunderstorms likely, widespread fog, - in Kanada auch auf Französisch.

Die Versorgung mit Wettervorhersagen ist hier ausgezeichnet - und wohl auch notwendig. Da sind zunächst die beiden Navtex-Sender F=Boston und U=St. John, die für die Küste von Maine und speziell für der Abschnitt von Scoodic Point bis Eastport und für Grand Manan vorhersagen. Dann läuft auf den UKW-Frequenzen 162,4 Mhz und weiteren daneben ein sehr detaillierter in ordentlichem Englisch gesprochener Non-Stop-Wetterbericht, der auch Tidenangaben macht. Auch die normalen Rundfunksender, z.B. Ellsworth auf 1370 kHz, bringen die Seewetterberichte. Schließlich bekommen und schätzen wir die Gribfiles immer über Sailmail und bei Internet-Zugang direkt über Ugrib.us.

Im Wasser schwimmen in dieser Gegend zahlreiche putzige Seehunde und weniger putzige Wale. Diese Tiere machen uns Angst: sie sind einfach zu groß. Es ist unheimlich, wenn neben uns ein Wal-Rücken auftaucht und der Wal eine große Fontäne ausbläst. Wir stellen uns vor, was die riesige Schwanzflosse anrichtet, wenn sie unser Schiff trifft und sind froh, wenn der Wal verschwindet. Dann gibt es auf den Klippen noch ulkige Wesen namens Puffins; sie sehen aus wie Aliens in einem Science-Fiction-Film.

Die malerischen Orte Lunenburg und Halifax auf Nova Scotia werden wir bei den wenig erfreulichen Wetteraussichten nicht erreichen. Stattdessen fahren wir bei dichtem Nebel unseren Wegpunkten nach zurück in die USA. Großschiffahrt gibt es hier wenig und die zahlreichen Fischboote sieht man im Radar. Aber es ist schon unheimlich, wenn man neben sich ein Schiff hört und es nicht sieht.


Wir segeln nun das zweite Jahr in einem der nebelreichsten Gebiete der Erde: den Küsten des US-Staates Maine und der angrenzenden maritimen Provinzen Kanadas. Hierher schaufelt der Labrador-Strom unablässig eiskaltes Wasser heran und darüber schichten die regelmäßig ziehenden Tiefs warme feuchte Luft. So ist pottendicker Nebel eine alltägliche Erscheinung, wie auch die hohen Tiden.

Die einheimischen Fischer sind damit aufgewachsen, sie operieren im dicksten Nebel wie mit einem sechsten Sinn - was bleibt ihnen auch anderes übrig. Wir Fremde kommen hier nur zurecht dank der neuen maritimen Technik, mit dem unsere Hallberg-Rassy ausgerüstet ist:

Das wichtigste Gerät ist der Raymarin-Plotter mit Navionics-Gold-Karten und der Schiffsposition vom GPS. Man plottet den geplanten Schiffskurs mit genügend Wegpunkten so, dass man ihn theoretisch auch blind abfahren könnte. Das Schiff fährt dann gelenkt vom Autopiloten den eingegebenen Weg ab. Vorteilhaft ist natürlich, wenn man einmal - auf dem Hinweg - den Kurs mit Sicht befahren kann. Der Rückweg entlang des einmal bereits befahrenen Weges ist dann ziemlich sicher. Die Navionics-Karten zeigen die Kartendetails in ausreichender Genauigkeit und auch die kartografierten Untiefen. Das mitlaufende Echolot vergleicht und zeigt die aktuelle Wassertiefe. Man könnte am Plotter auch per Track-Funktion den gefahrenen Kurs aufzeichnen lassen; wir benutzen diese Funktion wenig.
Das zweite Gerät für die Nebelfahrt ist das Radar. Es bildet die hiesigen felsigen Küsten ausreichend genau ab. Dazu zeigt es - hoffentlich - den Schiffsverkehr, der hier sehr spärlich ist. Es sind hauptsächlich Fischer, die hier unterwegs sind. Man erkennt sie im Radar an den erratischen Kursen, hin und her ohne erkennbare Richtung, und das mit 0 bis 10 Knoten. Die Schiffsgeschwindigkeit eines fremden Schiffes und deinen Kurs gibt das Radar heute automatisch an, es ist die schaltbare MARPA-Funktion, die das ermöglicht. Die wenigen Großschiffe fallen auf durch ein mehr als deutliches Radarecho und geraden Kursen mit rund 20 kn. Das Radar zeigt allerdings keine Untiefen: es ist die Kombination beider Geräte mit Echolot und GPS, das uns Nebelfahrten in fremden Revieren ermöglicht.

Am Mittwoch, den 28. Juli 2010 sind wir wieder im Northeast Harbor auf Mt. Dessert Island und beantragen die Einreise in die USA. Der Senior Officer, mit dem wir telefoniert hatten, kommt aus Bangor angefahren, klariert uns ein und stellt eine neue Cruising License aus. Nun sind wir wieder legale Gäste der Vereinigten Staaten von Amerika.

Das Wetter verbessert sich drastisch, es gibt kaum noch Nebeltage und die Küste von Maine zeigt sich von ihrer schönsten Seite.
Wir bleiben bis Mitte August in Maine und verabschieden uns von dieser schönen Küste mit dem Leuchtturm von Portland.

Leuchtturm Portland, Maine

Ein Vorteil der West Shore Marina in Huntington ist:
Wer dort überwintert hat, der bekommt im August den Unterwasser-Anstrich für sein Schiff ohne Zahlung des Arbeitslohnes gemacht. Bei unserem Boot ist er fällig und so fahren wir zügig nach Huntington, New York.
Einen Umweg machen wir doch: Wir fahren nach Provincetown am Nordende des Cape Cod. Man sagt, dies sei die Schwulen- und Lesben-Hochburg der Neu-England-Staaten. Das mag sein; man merkt nicht viel davon.

Wir fahren erneut durch den Cape-Cod-Kanal und über Fisher Island und Port Jefferson nach Huntington NY. In der West Shore Marine wird unser Schiff an Land gestellt und der Unterwasseranstrich schnell und ordentlich gemacht. Wir bleiben noch einige Tage hier und legen dann ab Richtung Süden. Am 27. August passieren wir wieder New York City.

Über Atlantic Highland, Atlantic City und Cape May erreichen wir die Delaware-Bucht und dann die Chesapeake-Bay. Hier fahren wir an der Ostseite entlang, ankern in der Shaw Bay und wundern uns über die schöne Landschaft. So schön hatten wir die Chesapeake Bay bei der Herfahrt nicht erlebt. Es ist eine Landschaft wie in Nord-Deutschland.


Chesapeake-Bay Ostseite


Dann fahren wir über Solomon Island in den Potomac River hinein. Wir wollen nach Washington DC, haben uns für ein Monat in der Gangplank-Marina angemeldet. Am Sonntag, den 19. September 2010 ankern wir in einer Flussbiegung des Potomac gegenüber Mt. Vernon, dem Wohnsitz von George Washington. Dann tasten wir uns unter der Woodrow Wilson-Brücke hindurch und sehen vor uns die unvergleichliche Silhouette der US-amerikanischen Hauptstadt. Die Gangplank-Marina liegt am Ende der für Segelschiffe befahrbaren Flussstrecke des Potomac inmitten der Stadt.

Washington ist eine interessante Stadt. Hier zelebriert die Weltmacht ihre Macht. Und Washington ist eine schöne Stadt. Ich kenne es von früher, war hier als Fulbright-Fellow. Die Stadt wurde planmäßig und künstlich auf Schau angelegt, will sagen, auf Repräsentation.

Eine große Grünfläche durchzieht das Stadtzentrum vom Pontomac bis zum Kapitol und alle Sehenswürdigkeiten sind daran aufgereiht. Und Washington ist sauber und gepflegt, kein Vergleich zu New York. Der Kongress hat der Stadt sogar eine U-Bahn spendiert, die zweitlängste der USA, 180 km lang und das ist viel für eine Stadt mit gerade mal 600.000 Einwohnern.

Washington DC, das Washington-Memorial gesehen von der Gangplank-Marina

Washington DC ist ein merkwürdiges Konstrukt, keine Stadt und kein Staat. Der Kongress beschließt für die Stadt und die Einwohner haben praktisch kein Wahlrecht. Das hat einen urdemokratischen Hintergrund: die Regierungsbediensteten sollen dem ganzen Land dienen, nicht einer Partei oder nur der jeweiligen Regierung. Daher sollen sie auch nicht über die Zusammensetzung der Regierung bestimmen. Heute ist das ein rechter Anachronismus und die Einwohner wollen das ändern. Aber es wird so sein wie die Versuche die Länder Deutschlands neu zu ordnen. Da schafft man es auch nicht, wenigstens Berlin und Brandenburg zu einem ordentlichen Bundesland Preußen zu vereinigen.

Aber es lebt sich sehr angenehm in Washington und es zieht viele Intellektuelle, Lobbyisten, Künstler und Exoten an. Einige davon haben sich wie wir in der Marina niedergelassen. Sie ist zu gut zwei Drittel mit Hausbooten und als solchen verwendeten Yachten belegt. Sie haben oft keinen Motor mehr, dafür aber Pflanzen und Weihnachtsbeleuchtung, die auch für Halloween verwendet werden kann. In der Marina gibt es die Washington Post und als Zeitschriften Foreign Affairs und Ähnliches.

Der Kurs von den USA in die Karibik gilt als dornenreicher Weg (thorny path), denn er geht immer gegen Golfstrom, Äquatorialstrom und Passat. So bietet die Carib1500-Rally eine interessante Alternative: Man fährt von Hampton VA im Nordwind-Sektor eines abziehenden Tiefs weit in den Atlantik hinaus und dreht dann, wenn das Tief nach Nordosten abgezogen ist, nach Süden und fährt mit dem Passat nach Tortola auf den Britischen Virgin-Inseln. Mit Glück fährt man die 1500 sm mit halben Wind. 2009 war es so, die befreundete Flomaida hat die ganze Strecke auf Steuerbord-Bug gesegelt.

2010 war es ganz anders: Zuerst kam uns der verspätete Hurrikan Tomas entgegen, so dass der Start verschoben wurde. Dann blieb ein Sturmtief vor der Küste liegen und dachte nicht daran, nach Nordost abzuziehen, vermutlich eine Fernwirkung des Hurrikans. Der Start wurde erneut verschoben und der Kurs geändert: Man fuhr nun am Kap Hatteras entlang nach Süden und bog erst dann, südlich des Tiefs, nach Südosten ab.

Das Kap Hatteras hat zurecht einen schlechten Ruf. 250 sm lang gibt es keine sichere Einfahrt zur Küste, die zwei oder drei Inlets sind für ein Kielboot zu seicht. Zudem geht der Kurs gegen den Golfstrom, den man sich wie einen Fluss im Meer verstellen sollte: 25 sm breit mit knapp 5 kn Strömung. Wenn dann noch kräftiger Wind gegen den Strom steht, dann gibt das ein schreckliches Gehacke.

Als wir dann am Montag, den 8. November 2010 starteten, blies es mit 25 bis 30 kn aus N gegen den Strom. Schon in der ersten Nacht erlebten wir einen Seenot-Fall aus nächster Nähe. Einem Katamaran hatte es beide Rümpfe beschädigt und die Zwei-Personen-Crew konnte weder die Lecks orten noch den Wassereinbruch beherrschen. Sie funkten Mayday und die US Coast Guard war schnell mit einem Hubschrauber und einem Schiff zur Stelle und schleppte den Havaristen an Land.

Das HR-Schwesterschiff Sunrise versuchte entnervt in das Oregon-Inlet einzulaufen. Sie schafften es nach mehreren Grundberührungen mit Schäden am Kiel und am Ruder. Später schrieben sie uns per Email, das sei ihnen lieber gewesen, als bei diesen Bedingungen weiter zu fahren.

Auf der Höhe von Beaufort NC zerfetzte eine Welle unsere Spritz-Persenning. Natürlich kann man auch ohne Sprayhood segeln, aber es ist sehr unkomfortabel, wenn das Wasser ständig über die Instrumente, den Plotter, den Transponder läuft und man alles abdecken muss. Wir liefen nach Beaufort NC ab und reparierten dort die Sprayhood. Mit uns lief der Katamaran Babe ein und erklärte prägnant: we don‘t go out to the sea to get lost there, wir fahren doch nicht aufs Meer hinaus, um darin umzukommen. 

Die Nancy Ellen hatte den Mut, erneut auf direktem Kurs quer durch den aufgewühlten Atlantik, nach Tortola zu fahren. Sie kamen knapp vor uns dort an. Sie waren eben tüchtiger und hatten das Glück des Tüchtigen.

Dieses Glück fehlte der Rule62. Wir kannten die Crew der Rule62; waren gemeinsam als Letzte aus dem Hafen Hampton und über die Startlinie gefahren – warum soll man auch drängeln, wenn 1500 sm Atlantik vor einem liegen. Wir haben sie fotografiert (Abb. 8), es ist eines der letzten Fotos der Rule62.

Die Rule62 verließ ebenfalls den direkten Kurs und lief auf die Bahama-Insel Abacos ab. Nun ist Abacos von einem dichten Korallengürtel umgeben, durch den nur wenige leidlich sichere Einlässe hindurch führen. Der Skipper der Rul64 steuerte präzise auf einen Einlass zu, der Transponder, mit dem jedes Rally-Schiff ausgerüstet war, zeichnete seinen Kurs genau auf. Knapp 200 m vor dem Einlass biegt der Kurs der Rule62 nach Südwesten ab und endet auf den Korallen. Das Schiff war von einer Welle auf die Seite gelegt worden und ist durchgekentert. Führerlos trieb es dann auf die Korallen und zerschellte dort. Die Crew konnte sich in die Rettungsinsel retten, aber auch diese kenterte mehrmals. Eine liebe junge Frau wurde heraus geschleudert und nicht mehr gefunden. Seitdem sind wir ziemlich deprimiert. Wie sagte die Babe: Wir fahren doch nicht aufs Meer hinaus, um darin umzukommen.



Wege zur Karibik

Mehrere Schiffe waren nach Beaufort NC gekommen und viele Schiffe verließen die Rally und liefen zu den Bahamas, nach Florida oder Bermuda. Wir fuhren zunächst südwärts nach Canaveral, wo wir am Sonntag, den 21. November 2010 einen Raketenstart erlebten und schließlich nonstop durch die Bahamas und Caicos, an Puerto Rico vorbei, nach Tortola, wo wir tatsächlich die Ziellinie überquerten. Nun sind wir wieder in der Karibik – und jetzt, beim zweiten Mal gefällt es uns sehr gut. Man weiß, wo es schön ist und wo nicht, und Letzteres kann man meiden.






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